Geschichte Mutterhaus Aachen

Geschichte Mutterhaus Aachen

Das Alexianer-Kloster in Aachen existiert seit über 700 Jahren. Seine komplexe Geschichte spiegelt die Entwicklung der Ordensgemeinschaft der Alexianerbrüder ebenso wie die Zeitgeschichte wider.

Als wichtigste Wendepunkte, die bis heute wirken, können die Hinwendung zur Pflege psychisch Kranker und die geografische Ausbreitung über die alten Grenzen hinaus gelten, durch die aus einem einfachen Kloster vor den Mauern der Stadt das Mutterhaus einer weltweit tätigen Kongregation wurde. 

Aus dem Dunkel der Geschichte

Die Anfänge der Aachener Alexianer liegen im Dunkel. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts widmen sich fromme Männer im Rheinland und den Niederlanden dem Dienst an den Ärmsten der Armen jener Zeit, an Pestkranken, Aussätzigen und geistig Verwirrten. Sie übernehmen Pflegedienste und begraben die Toten. Diese Männer werden Begarden genannt. Unter ihnen gibt es solche, die sich von ihrer Hände Arbeit ernähren. Andere, wie die Aachener Begarden, betteln und heißen deshalb Brotbegarden. Papst Eugen IV. bezeichnet sie, vielleicht wegen ihrer halberemitischen Lebensweise, als Zellenbrüder oder Celliten. Um 1480 bürgert sich schließlich der Name Alexianer ein. Namenspatron ist der heilige Alexius von Edessa, ein römischer Patriziersohn, der sein Leben der Legende nach in Armut und dem Dienst an den Notleidenden und Kranken verbrachte und im Mittelalter große Verehrung genießt.

In der Mitte des 15. Jahrhunderts existieren bereits über 30 Häuser (Klöster). Das Kloster der Aachener Celliten oder Brotbegarden ist seit 1334 nachweisbar. Es befindet sich noch heute an derselben Stelle am Alexianergraben, der damals freilich außerhalb der Stadtmauern lag. 1468 findet in Lüttich das erste Generalkapitel der Alexianer statt, bei dem die Häuser die Regel des heiligen Augustinus annehmen. 1472 erhalten die Celliten/Alexianer von Papst Sixtus IV. die Privilegien eines Ordens. Das einflussreichste Kloster im Rheinland ist in jener Zeit das Kölner Alexianer-Kloster. Als 1565 die Provinz Overland (Rheinland) entsteht, zu der auch das Aachener Kloster gehört, wird der Obere des Kölner Klosters zugleich Provinzial. 

Neuorientierung und Neuorganisation

Das 17. Jahrhundert ist eine Zeit bedeutender politischer und gesellschaftlicher Veränderungen, die auch die Alexianer-Klöster betreffen. Als einer der größten Meilensteine erweist sich die durch den Rückgang der Pest nach dem Dreißigjährigen Krieg bedingte Übernahme der Pflege psychisch Kranker und damit die Entstehung der psychiatrischen Kliniken. Beim Aachener Stadtbrand 1656 wird das Kloster teilweise beschädigt. Nur die Lage am Rande der Stadt bewahrt die Anlage vor einer vollständigen Zerstörung.

1717 führen die schon lange bestehenden Spannungen zwischen den Klöstern der Provinz Overland zur Trennung der Aachener und Neusser Alexianer vom Kölner Kloster. Die Aachener Gemeinschaft erhält den Status einer eigenständigen Kongregation (Ordensgemeinschaft) unter bischöflicher Jurisdiktion.

Die drohende Auflösung des Aachener Klosters in der Säkularisation kann zwar abgewendet werden, allerdings verliert das Kloster seine Selbstständigkeit und wird der Stadtverwaltung unterstellt. Alle Schenkungen und Stiftungen fallen der Hospizienkommission der Stadt zu. Den Brüdern wird untersagt, die ewigen Gelübde abzulegen. Erst 1853 werden sie wieder eingeführt. 

Grenzen überschreiten und Zusammenführen

Die Geschichte des Aachener Klosters im 19. Jahrhundert ist nicht nur von Auseinandersetzungen mit Staat und Bischof geprägt, sondern vor allem von einer großen Bereitschaft zur Expansion. 1844 übernehmen die Aachener Alexianer das Marienhospital in Aachen, ein erster Versuch, den Wirkungskreis auf Krankenhäuser auszudehnen. 1854 wird das Kloster in Mönchengladbach gegründet. Sieben Jahre später gehen die Brüder nach Krefeld.

Für die Zukunft wegweisend ist aber eine andere Entscheidung: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gründen Aachener Alexianer Niederlassungen in England, Irland und den USA. Im Zuge dieser Internationalisierung entstehen vom Aachener Kloster ausgehend zehn Häuser mit mehr als 200 Brüdern. Folgerichtig wird aus der Aachener Kongregation 1869 die weltweite Kongregation der Alexianer mit vier Provinzen, davon zwei in Deutschland (mit den Sitzen Aachen und Mönchengladbach) sowie jeweils eine in Großbritannien und den USA. Zur Aachener Provinz zählen damals auch zwei Häuser in Belgien. Die Provinzen unterstehen erneut, wie schon in den Anfängen der Ordensgemeinschaft, der päpstlichen Jurisdiktion. Zum ersten Generaloberen der Kongregation wird der Obere der alten Aachener Kongregation, Clemens Wallrath, gewählt.

Noch nicht dabei sind zu diesem Zeitpunkt die Neusser und Kölner Alexianer, die nach wie vor den Status eigenständiger Kongregationen bischöflichen Rechts besitzen. Erst mit der Fusion der Aachener und der Neusser Provinz 2008 sind alle deutschen Alexianer vereint.

Im Zweiten Weltkrieg wird das Aachener Mutterhaus gewaltsam geräumt, um staatlichen Verbänden als Stützpunkt zu dienen. Durch den Bombenkrieg wird das Kloster, wie andere Alexianer-Häuser auch, schwer beschädigt. In der Folge verlagert die Kongregation den Sitz des Generaloberen (Generalat) von Aachen nach Tennessee, USA. 

Was ist eigentlich ein Mutterhaus?

Der Begriff Mutterhaus ist ein Strukturbegriff kirchlicher Organisationen, beispielsweise von Ordensgemeinschaften. Als deutsche Übersetzung des lateinischen „casa materna“ bezeichnet er das Zentrum oder den Ursprungsort, also gewissermaßen „die Mutter“ einer Gemeinschaft. Im Falle des Aachener Alexianer-Klosters kann in dem Maße von einem Mutterhaus gesprochen werden, wie die Aachener Alexianer expandierten und eigene Tochterniederlassungen – etwa in Mönchengladbach oder in Chicago – gründeten.